Der Dezentrale Ansatz in der Coronakrise

Was ist besser: Ein zentraler Krisenstab in Berlin, oder 400 Krisenstäbe verteilt über ganz Deutschland? Der Direktor und Sprecher des Instituts für Krisenforschung – ein „Spin-Off“ der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel – plädiert in diesem Artikel des Deutschlandfunk für Entscheidungsfindung vor Ort. Ergänzt durch kompetente fachliche Beratung von zentralen Stellen.

Zusammenarbeit in der Informationsgesellschaft

Auf Ebene der Produktion werden sich mit der Nutzung von KI und der Realisierung von Aspekten der „Industrie 4.0“ Formen der „dezentralen Selbstorganisation durch Ad-hoc Vernetzung“ durchsetzen und „Entscheidungen kontextabhängig“ vor Ort getroffen werden. Die „intelligenten Werkstücke/Produkte unterstützen aktiv den Produktionsprozess“ (Fraunhofer IEM / Heinz Nixdorf Institut, Folie 8).

Das, was in der Interaktion zwischen Maschinen, Planungs- und Logistik-Systemen und den Produkten bzw. Werkstücken bereits heute Realität wird, bedarf noch passender Strukturen in der Zusammenarbeit der Menschen, die diese Produkte herstellen.

Einige Unternehmen arbeiten schon seit langem erfolgreich mit neuen Organisationsformen, wie beispielsweise FAVI, Sunhydraulics, Buurtzorg

Auch manche öffentliche Verwaltung geht den Weg, die Domain Experts mit in Entscheidungsprozesse einzubinden. Die in Barcelona entwickelte Online-Plattform Decidim verbreitet sich weltweit. Das Gestalten und Entscheiden verlagert sich zunehmend dorthin, wo das tatsächliche Leben stattfindet.

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Anstöße

  • Wie funktioniert es, dass jede Ameise jederzeit zum Nutzen ihrer Kolonie handelt?
  • Wie müsste unsere Umgebung strukturiert sein, damit Jeder jederzeit seine Fähigkeiten und Sinneseindrücke zum Erreichen der Unternehmensziele einsetzen kann?
  • Warum sind noch nie die hochkomplexen globalen Logistikstrõme aufgrund einer Fehlentscheidung zusammengebrochen?
  • Wer ist der Chef des Internets?
  • In welchem Rahmen können sich Vertrauen, Verantwortung und Fähigkeiten zu voller Blüte entfalten?
  • Wer kann die besten Entscheidungen treffen?

Lebenslanges Lernen

Die Erkenntnis von Neurologen, dass unser Gehirn bis ins hohe Alter hinein plastisch bleibt, eröffnet uns die Möglichkeit, unser Leben lang neue Dinge zu erlernen. Der Zugang zu Wissen ist heute einfacher denn je und uns erschließt sich damit ein ungeheurer Reichtum. In der ZEIT vom 17. Januar 2019 schreibt Maximilian Probst allerdings dazu:

„[Das lebenslange Lernen] wird dringend gebraucht, um die Probleme der Gegenwart und der Zukunft in den Griff zu bekommen. Dafür muss das lebenslange Lernen aus einer ökonomischen Indienstnahme gelöst, soziokulturell verankert und mit Inhalt gefüllt werden. (…) Die größte Gefährdung, mit der man heute kollektiv konfrontiert ist, geht mit der Ökologie einher – mit der Entdeckung, dass sich der Mensch in einer höchst aktiven Biosphäre bewegt, in einem sich verändernden Raum, in dem alle möglichen Lebensformen auf unterschiedlichste Weise miteinander verknüpft sind.

ZEIT 17. Januar 2019

Der Aspekt der Ganzheit in adaptiven, integralen Organisationsstrukturen nimmt genau diese Verknüpftheit und Einbettung auf.

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Kooperation

Eine wichtige Dimension der gemeinschaftlichen Arbeit ist die Kooperationsebene. Von größter Bedeutung sind

  • gute Zusammenarbeit mit Kollegen (97,9 Prozent)
  • ein gutes Betriebsklima (96,8 Prozent)
  • die Loyalität des Unternehmens (96,8 Prozent)
  • ein gutes Verhältnis zum Vorgesetzten (92,4 Prozent)

Eine gute Passung zwischen Wunsch und Wirklichkeit resultiert in 25% weniger Krankheitstagen . Die Wirklichkeit sieht bei 78% der Befragten anders aus: 108% mehr Krankheitstage bei fehlender Passung, jeweils bezogen auf den Durchschnitt der Arbeitnehmer.
(Quelle: Fehlzeiten-Report 2018)

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Entscheiden

Werden eine Anzahl Menschen gebeten, die Antwort auf eine Faktenfrage zu schätzen, liegt der Mittelwert der Antworten meist dicht am richtigen Resultat. Bitten Sie diese Menschen anschließend, sich in der Gruppe auszutauschen und dann erneut eine Schätzung abzugeben, liegt der Mittelwert deutlich weiter neben dem richtigen Ergebnis als vorher. (Prof. Dr. Dirk Helbing, ETH Zürich in „Entscheiden“)

Rund 20.000 Entscheidungen trifft ein Mensch jeden Tag. Alle drei Sekunden eine Entscheidung – das reicht von „blaue oder schwarze Socken?“ bis hin zu „Auftrag annehmen oder nicht?“. Der passende Weg, Entscheidungen zu treffen, kann für Organisationen zur Überlebensfrage werden. Im Wesen adaptiver integraler Organisationsformen liegt die Möglichkeit, am Ort der jeweiligen Entscheidung die im Bezug auf den Daseinszweck der Gesamtorganisation gerade optimale Methode zu wählen.

Man braucht nicht gleich einen Persönlichkeitstest, um herauszufinden, wie man die Zusammenarbeit in der Gruppe verbessert. Man kann die Leute auch einfach danach fragen.

Guido Hertel, Psychologieprofessor an der Uni Münster

Ein Blick in die Natur, zu Bienen und Ameisen, zeigt eines von vielen möglichen Modellen, Entscheidungen zu treffen. Kundschafter schwärmen aus, um Nahrung zu finden. Nach ihrer Rückkehr werden Allen, deren Aufgabe die Futtersuche ist, die Informationen über Ort, Distanz und Beschaffenheit präsentiert. Das Individuum integriert die Informationen und trifft dann selbst die Entscheidung, welche Futterquelle zum Wohl der gesamten Gruppe aufzusuchen ist.

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Sinn und Gesundheit

Organisationen, die Sinnvermittlung und persönliche Verbundenheit hoch bewerten, sind erfolgreicher als Organisationen, die zur Leistungssteuerung nur auf Hierarchie und finanzielle Anreize setzen. (s. Abstracts zum AOK-Fehlzeitenreport 2018) Von Arbeit die als sinnvoll erfahren wird, profitieren auch Körper und Psyche – seit der 1933 erschienene Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ von Marie Jahoda und Paul Lazarsfeld wird dieser Befund immer fundierter wissenschaftlich abgesichert.

Unter sechzehn unterschiedlichen Aspekten von Arbeitswerten sind den Befragten am wichtigsten:

  • „sichere und gesunde Arbeitsbedingungen“ (94,0 Prozent)
  • „das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun“ (93,0 Prozent)
  • eine „interessante Tätigkeit“ (92,7 Prozent)

Ein „hohes Einkommen“ findet sich erst auf Platz 13.

(Quelle: Fehlzeiten-Report 2018)

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Adaptiv

  • Jeder Mensch in der Organisation nimmt kontinuierlich detaillierte Informationen auf, die im jeweiligen Ausschnitt seines oder ihres Tätigkeitsfeldes entstehen. Diese Informationen führen – verknüpft mit dem Organisationskontext – zu unmittelbaren lokalen Adaptionen der Entscheidungen, Handlungen oder Strukturen.
  • Klare, verbindliche Regeln stellen die Einhaltung der organisatorischen und ggf. rechtlichen Rahmenbedingungen sicher
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Integral

Bezogen auf die Organisation:
  • Das tägliche Handeln und Entscheiden – im Kleinen wie im Großen – geschieht in steter Orientierung an der Verwirklichung des Daseinszwecks der Gesamtorganisation.
Bezogen auf die Mitarbeitenden:
  • Alle Fähigkeiten der Mitarbeitenden, auch ihre Intuition, haben Raum zur Entfaltung. Dadurch können Entscheidungen getroffen werden, die der komplexen, nicht-linearen Wirklichkeit angemessen sind.
  • Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können mit ihrer ganzen Persönlichkeit und ihrem ganzen Engagement zur Entfaltung kommen
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Perspektiven



Ihre Perspektiven

Anpassungsfähigkeit ∪ Robustheit
Wirtschaftlichkeit ∪ Wohlergehen
Geschwindigkeit ∪ Souveränität
Innovation ∪ Freiraum

Unsere Blickwinkel

Organisation ∪ Interaktion
Kommunikation ∪ Klarheit
Technik ∪ Struktur
Lehre ∪ Weiterentwicklung
Zufriedenheit ∪ Gesundheit

Erst aus den unterschiedlichen Perspektiven ergibt sich ein Bild mit Tiefe

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Transformation


Evolution ihrer Organisation

Mit dem ersten Schritt beginnen ⊂⊃ mit denen, die bereit sind

Menschen einbinden ⊂⊃ ihre Arbeit verstehen

Beziehung aufbauen ⊂⊃ zu allen Beteiligten

Vertrauen und Verantwortung ⊂⊃ vertiefen und erfahren

Fähigkeiten zur Zusammenarbeit ⊂⊃ neu entwickeln

Transiente Strukturen ⊂⊃ gestalten und loslassen

Den Daseinszweck verwirklichen ⊂⊃ in allem Handeln

Teilen von Aufgaben ⊂⊃ Flexible Organisation der Kräfte

Von Täuschungen befreien ⊂⊃ neue Perspektiven einnehmen

Hierarchien ⊂⊃ fluktuierend und themenbezogen